Ein normgerechtes Schaltschrankgehäuse nach IEC 62208 ist ein leeres Gehäuse für Niederspannungsschaltanlagen, das definierte mechanische, elektrische und klimatische Mindestanforderungen erfüllt, bevor es mit Komponenten bestückt wird. Die Norm legt fest, welche Eigenschaften das Gehäuse selbst mitbringen muss, unabhängig von der späteren Ausstattung. Die folgenden Abschnitte beantworten die wichtigsten Fragen rund um diese Norm, von konkreten Anforderungen über Prüfverfahren bis hin zur Planung von Sondergehäusen.
Welche konkreten Anforderungen legt die IEC 62208 fest?
Die IEC 62208 definiert Mindestanforderungen an leere Gehäuse für Niederspannungsschaltanlagen bis 1.000 V Wechselspannung und 1.500 V Gleichspannung. Sie regelt mechanische Stabilität, Schutzgrad gegen Fremdkörper und Feuchtigkeit, Erdungskontinuität, dielektrischen Eigenschaften sowie das Verhalten gegenüber Wärme und Feuer. Ziel ist es, sicherzustellen, dass das Gehäuse als Basis für eine sichere Schaltanlage geeignet ist.
Im Einzelnen schreibt die Norm unter anderem vor:
- Mechanische Festigkeit: Das Gehäuse muss definierten Schlag- und Druckbelastungen standhalten, damit die eingebauten Komponenten auch bei mechanischer Beanspruchung geschützt bleiben.
- Schutzgrad (IP-Klassifizierung): Der angegebene Schutzgrad muss durch Prüfungen nachgewiesen werden, etwa gegen Berührung, Staub und Wasser.
- Erdungskontinuität: Alle leitfähigen Teile des Gehäuses müssen zuverlässig miteinander verbunden sein, um einen sicheren Schutzleiteranschluss zu gewährleisten.
- Dielektrische Eigenschaften: Das Gehäuse muss Spannungsprüfungen standhalten, die sicherstellen, dass keine ungewollten Kriech- oder Luftstreckenunterschreitungen vorliegen.
- Wärme- und Brandverhalten: Nichtmetallische Teile werden auf ihre Beständigkeit gegenüber Wärme und Flammeneinwirkung geprüft.
Diese Anforderungen gelten für das Gehäuse im Auslieferungszustand, also bevor der Anwender es mit Schaltgeräten, Kabeln oder Steuerungskomponenten bestückt. Die Norm schafft damit eine klare Trennlinie zwischen der Verantwortung des Gehäuseherstellers und der des Anlagenbauers.
Was unterscheidet die IEC 62208 von verwandten Normen wie IEC 61439?
Der entscheidende Unterschied liegt im Anwendungsbereich: Die IEC 62208 betrifft ausschließlich das leere Gehäuse, während die IEC 61439 die vollständig bestückte Niederspannungsschaltanlage als Ganzes regelt. Beide Normen ergänzen sich, adressieren aber unterschiedliche Verantwortlichkeiten in der Lieferkette.
Die IEC 61439 stellt Anforderungen an die fertige Schaltanlage einschließlich aller eingebauten Betriebsmittel, Verdrahtung und Schutzeinrichtungen. Sie richtet sich an den Anlagenhersteller, der das Gehäuse mit Komponenten bestückt und in Betrieb nimmt. Die IEC 62208 hingegen richtet sich an den Gehäusehersteller und beschreibt, welche Grundeigenschaften das leere Gehäuse vor der Bestückung erfüllen muss.
In der Praxis bedeutet das: Ein Gehäuse, das nach IEC 62208 geprüft und zertifiziert ist, bildet eine verlässliche Grundlage für eine spätere Konformitätsprüfung nach IEC 61439. Wer als Anlagenbauer ein normkonformes Gehäuse einsetzt, kann bei der Typprüfung der fertigen Anlage auf bereits erbrachte Nachweise des Gehäuseherstellers zurückgreifen und spart damit Aufwand.
Wie wird die Normkonformität eines Schaltschrankgehäuses geprüft und nachgewiesen?
Die Konformität nach IEC 62208 wird durch eine Reihe standardisierter Typprüfungen nachgewiesen, die an repräsentativen Mustern des Gehäuses durchgeführt werden. Der Hersteller dokumentiert die Ergebnisse und stellt dem Kunden auf Anfrage die entsprechenden Prüfberichte zur Verfügung.
Zu den typischen Prüfverfahren gehören:
- IP-Schutzgradprüfung nach IEC 60529: Prüfung gegen Berührung, Fremdkörper und Wasser unter definierten Bedingungen.
- Schlagfestigkeitsprüfung: Aufprall eines definierten Prüfkörpers auf verschiedene Gehäuseflächen.
- Erdungskontinuitätsprüfung: Messung des Übergangswiderstands zwischen allen leitfähigen Teilen.
- Dielektrische Prüfung: Hochspannungstest zur Überprüfung der Isolationseigenschaften.
- Wärmebeständigkeitsprüfung: Bewertung nichtmetallischer Teile nach dem Kugeldruckverfahren.
- Glühdrahtprüfung: Prüfung der Brandbeständigkeit nichtmetallischer Werkstoffe.
Der Nachweis erfolgt in der Regel durch eine Konformitätserklärung des Herstellers, die auf dokumentierten Typprüfungen basiert. Eine externe Zertifizierung durch eine akkreditierte Prüfstelle ist möglich, aber nicht zwingend vorgeschrieben. In der Praxis verlangen viele Industriekunden und Betreiber dennoch entsprechende Prüfberichte als Teil der Lieferdokumentation.
Welche Schutzgrade nach IP-Klassifizierung sind für Schaltschrankgehäuse typisch?
Für Schaltschrankgehäuse in industriellen Anwendungen sind die Schutzgrade IP54, IP55 und IP65 am weitesten verbreitet. Welcher Schutzgrad erforderlich ist, hängt vom Einsatzort und den dort herrschenden Umgebungsbedingungen ab.
Die IP-Klassifizierung nach IEC 60529 besteht aus zwei Kennziffern: Die erste beschreibt den Schutz gegen feste Fremdkörper und Berührung, die zweite den Schutz gegen Wasser. Für Schaltschrankgehäuse gelten folgende Richtwerte:
- IP54: Schutz gegen Staubeintritt in schädlichen Mengen und gegen allseitiges Spritzwasser. Geeignet für typische Industrieumgebungen in Innenräumen.
- IP55: Wie IP54, jedoch mit erhöhtem Schutz gegen Strahlwasser aus beliebiger Richtung. Häufig bei Maschinen eingesetzt, die mit Kühlmitteln oder Reinigungswasser in Kontakt kommen.
- IP65: Vollständiger Staubschutz und Schutz gegen Strahlwasser. Standard für Gehäuse im Außenbereich oder in Umgebungen mit intensiver Reinigung.
- IP66/IP67: Für besonders anspruchsvolle Umgebungen mit starkem Strahlwasser oder kurzzeitigem Untertauchen.
Bei der Auswahl des Schutzgrades sollten Sie stets die tatsächlichen Betriebsbedingungen zugrunde legen und nicht pauschal den höchsten verfügbaren Wert wählen. Ein überdimensionierter Schutzgrad erhöht Kosten und Gewicht, ohne einen praktischen Mehrwert zu bieten.
Welche Materialien sind für normkonforme Schaltschrankgehäuse zulässig?
Die IEC 62208 schreibt keine bestimmten Werkstoffe vor, sondern definiert die Eigenschaften, die das fertige Gehäuse aufweisen muss. Zulässig sind grundsätzlich alle Materialien, die die geforderten mechanischen, thermischen und elektrischen Eigenschaften erfüllen. In der industriellen Praxis dominieren Stahlblech, Edelstahl und Aluminium.
Die Werkstoffwahl hat unmittelbaren Einfluss auf Schutzwirkung, Gewicht, Korrosionsbeständigkeit und Verarbeitbarkeit:
- Stahlblech (verzinkt oder pulverbeschichtet): Der meistverwendete Werkstoff für Standardgehäuse. Hohe Steifigkeit, gute Bearbeitbarkeit und wirtschaftliche Fertigung. Eine Pulverbeschichtung erhöht den Korrosionsschutz erheblich.
- Edelstahl (V2A/V4A): Bevorzugt in Umgebungen mit erhöhter Korrosionsgefahr, etwa in der Lebensmittel-, Pharma- oder Medizintechnik. Wartungsarm und hygienisch.
- Aluminium: Geringes Gewicht bei guter Wärmeleitfähigkeit. Geeignet, wenn Gewichtsreduktion oder Wärmeableitung eine Rolle spielen.
Nichtmetallische Komponenten, etwa Dichtungen, Kabeldurchführungen oder Sichtfenster, müssen die Wärme- und Brandbeständigkeitsprüfungen der Norm bestehen. Die Werkstoffauswahl sollte daher bereits in der Konstruktionsphase mit den Anforderungen der IEC 62208 abgeglichen werden.
Was muss bei der Planung eines Sondergehäuses beachtet werden, um IEC 62208 zu erfüllen?
Bei der Planung eines Sondergehäuses nach IEC 62208 müssen Schutzgrad, mechanische Festigkeit, Erdungskonzept und Werkstoffauswahl von Beginn an auf die Normanforderungen ausgerichtet sein. Nachträgliche Anpassungen an einem fertig konstruierten Gehäuse sind aufwendig und können die Normkonformität gefährden.
Folgende Punkte sollten Sie in der Planungsphase systematisch berücksichtigen:
- Frühzeitige Festlegung des Schutzgrades: Der gewünschte IP-Schutzgrad bestimmt die Anforderungen an Dichtungen, Gehäusegeometrie und Durchführungen. Änderungen im späteren Prozess sind kostspielig.
- Erdungskonzept: Alle leitfähigen Gehäuseteile müssen von Anfang an so verbunden sein, dass die Erdungskontinuität im gesamten Gehäuse gewährleistet ist. Das betrifft auch angeschweißte Anbauteile und nachträgliche Ausbrüche.
- Ausbrüche und Öffnungen: Jede Öffnung im Gehäuse, etwa für Kabeldurchführungen, Lüftungskiemen oder Bedienelemente, beeinflusst den Schutzgrad. Lage, Größe und Abdichtung müssen normkonform ausgeführt sein.
- Werkstoffprüfung nichtmetallischer Teile: Dichtungen und Kunststoffkomponenten müssen auf Wärme- und Brandbeständigkeit geprüft sein. Verwenden Sie ausschließlich Materialien mit entsprechenden Nachweisen.
- Dokumentation von Anfang an: Halten Sie alle Konstruktionsentscheidungen und Werkstoffnachweise so fest, dass sie später in die Konformitätsdokumentation einfließen können.
Besonders bei geschweißten Gehäusekonstruktionen ist darauf zu achten, dass Schweißnähte die Dichtigkeit und die Erdungskontinuität nicht beeinträchtigen. Eine enge Abstimmung zwischen Konstruktion und Fertigung ist hier entscheidend.
Wie Dessauer SG Sie bei normgerechten Schaltschrankgehäusen unterstützt
Wir begleiten Sie von der ersten Konstruktionsidee bis zur fertigen, normkonformen Lösung. Mit über 100 Jahren Erfahrung in der Metallverarbeitung und einem modernen Maschinenpark fertigen wir Schaltschrankgehäuse, die die Anforderungen der IEC 62208 von Grund auf erfüllen. Dabei arbeiten wir sowohl mit Stahlblech als auch mit Edelstahl und legen bereits in der Konstruktionsphase die Grundlage für nachweisbare Normkonformität.
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